Zwergensprache, ein umfassendes Programm zum Erlernen und Vermitteln der Babyzeichensprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter Lizenz der Zwergensprache GmbH
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Mit Babys auf dem Weg zur Sprache

  • Titelbild Zwergensprache Magazin 10

Kinder erziehen: ganz einfach mit Köpfchen

 

Die meisten Menschen glauben, Kinder kommen auf die Welt, um zu lernen, „erwachsen“ zu werden. Dabei können Kinder die Welt der Erwachsenen um sie herum gewaltig auf den Kopf und diese vor enorme Herausforderungen stellen. Wie unsere Kinder als Erwachsene sein sollen, malen wir uns gern in beeindruckenden Farben aus – nur um festzustellen, dass die Sprösslinge scheinbar andere Pläne haben. Und dann geht es los mit der „Erziehung“. Am Ende unserer Bemühungen soll ein guter, im Leben erfolgreicher und glücklicher Mensch stehen. Dieser Mensch selber soll uns dabei nicht in die Quere kommen. Zumal er es nicht besser wissen kann – er ist eben ein Kind.

 

Was wir bei der ganzen Sache gern vergessen: Unsere Kinder sind von Anfang an gute, im Leben erfolgreiche und glückliche Menschen. Herzensgut sogar, unabhängig von Moralvorstellungen, erfolgreich in allem, was sie anpacken, vom Krabbeln, Sprechen und Laufen lernen bis hin zu Fahrrad fahren, lesen, rechnen. Sie lernen um der Fähigkeiten willen, die sie sich aneignen können (zumindest bis wir mit Zensur(en) daher kommen und dafür sorgen, dass es nicht länger nur um die Fähigkeiten geht). Und sie sind glücklich, unsere Kinder. Von Anfang an. Eigentlich bräuchten wir also nur dafür zu sorgen, dass das so bleibt. Aber wie macht man das?

 

Diese Frage stellte sich auch der US-Amerikaner Barry Neil Kaufmann. Sechs Kinder hat er, drei davon adoptiert. Er hat sich das Leben mit seinen Kindern und deren „Erziehung“ leicht gemacht. Denn er hat verstanden, dass es bei der Erziehung von Kindern nicht um Dinge wie aufgeräumte Zimmer, gute Noten, Mithilfe im Haushalt oder gewisse Äußerlichkeiten wie Nasenpiercings oder „ordentliche“ Outfits geht und auch nicht darum, Kindern alles zu geben, wovon wer auch immer glaubt, dass sie es „brauchen“. Kaufmann besann sich auf die Essenz der Eltern-Kind-Beziehung und das, was sie ausmacht: Liebe, Wertschätzung und Dankbarkeit.


Wie liebt man so, dass der andere spürt, dass er geliebt wird? Wie wertschätzt man so, dass der andere Wertschätzung erkennt? Wie bringt man Dankbarkeit so zum Ausdruck, dass der andere versteht, was uns (s)ein Handeln bedeutet hat?

 

Oberflächlich betrachtet scheinen Liebe, Wertschätzung und Dankbarkeit in Eltern-Kind-Beziehungen selbstverständlich zu sein – wo kämen wir hin, wenn nicht? Vermeintliche Selbstverständlichkeiten bergen jedoch tiefe Gräben, in denen unversehens versackt, was als allzu selbstverständlich hingenommen wird. Ganz schnell sind wir beispielsweise dabei, dass das Kind „selbstverständlich“ sein Zimmer aufzuräumen, im Haushalt zu helfen, sein Äußeres in einem präsentablen Zustand zu halten hat. Nicht zu vergessen die guten Noten. Selbstverständlichkeiten brauchen keine Wertschätzung und Dankbarkeit gleich gar nicht, denn wir haben ein Anrecht auf sie. Haben ein Anrecht darauf, dass der Sohn oder die Tochter „auch mal“ die Geschirrspülmaschine ausräumt, sich anstrengt in der Schule, macht, was wir sagen. Schließlich tun wir auch alles für ihn bzw. sie. Weil wir sie lieben, na klar. Aber: Spüren unsere Kinder unsere Liebe, wenn wir erwarten, dass sie uns gleichsam „entschädigen“ für all das, was wir für sie tun?

 

Wohl kaum. Tatsächlich haben wir unseren Kindern gegenüber kein Anrecht auf irgendwas. Sie sind uns nichts „schuldig“ dafür, dass wir für sie sorgen, nur weil wir sie in die Welt gesetzt haben. Sie tragen unsere Gene, unser Kapital in Sachen Evolution, eine Anwartschaft auf ein kleines Stück Unsterblichkeit. Was wir damit anfangen, ist unsere Sache. Es ist sogar so sehr unsere Sache, dass wir entscheiden können, überhaupt gar keine Kinder zu haben und Erziehungsfragen die kalte Schulter zu zeigen.

 

Kindererziehung: Alles selbstverständlich oder was?

 

Gibt es etwas, das wir für unsere Kinder tun müssen? Die Antwort ist simpel und abgründig zugleich, doch sie führt direkt zum Kern dessen, was Barry Neil Kaufmann als seine persönlichen Erziehungsprinzipien identifiziert und schon 1983 mit seinem „Option Institute“ Programm vertreten hat. Es gibt nichts, was wir für unsere Kinder tun müssen. Wir sind frei in unseren Entscheidungen, sind frei zu entscheiden, was wir wie auch immer für unsere Kinder tun. Ein jeder von uns Eltern hat Gründe für seine Was und seine Wie. Es lohnt sich, diese Gründe zu hinterfragen, um sich das eigene Wollen bewusst zu machen. Denn wer etwas will, anstatt es zu müssen, nimmt Abschied von Selbstverständlichkeiten und hört auf, unbewusst in Schuldverhältnissen zu denken. Und er erkennt, dass nichts selbstverständlich ist, auch nicht die Liebe zwischen Eltern und Kind, auch nicht Wertschätzung und auch nicht Dankbarkeit.

 

Aus Liebe, Wertschätzung und Dankbarkeit erwächst, was uns unser Leben lieb macht. Im Grunde ist es genau das, was wir uns im Zusammenhang mit dem guten, erfolgreich im Leben stehenden und glücklichen Menschen vorstellen: Ein Mensch, der das Leben liebt, und es im Bewusstsein dessen lebt, was für ihn wirklich wichtig ist.

 

 

 

 

Leben wir so? Leben wir unseren Kindern ein entsprechendes Beispiel vor? Und das nicht nur an guten Tagen, sondern auch dann, wenn es „schwierig“ wird, Konflikte zu bewältigen sind, das Müssen uns herausfordert, ihm die Stirn zu bieten?

 

Barry Neil Kaufmann hat sechs Prinzipien identifiziert, die dabei helfen können. Wir müssen ihnen nicht von nun an immer folgen. Wenn wir sie aber im Hinterkopf haben, schaffen wir das vielleicht immer mal wieder. Dann öfter. Und  am Ende immer einmal mehr.

 

Prinzip 1:

Versuche nie, Deine Kinder vor Gefühlen zu bewahren – auch nicht vor unangenehmen.

 

Marshall B. Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GfK), hat einmal gesagt „Der Sinn des Lebens ist, all sein Lachen zu lachen und all seine Tränen zu weinen.“ Wer fühlt, lebt, und das gilt für angenehme Emotionen genauso wie für Wut, Traurigkeit, Angst oder Frustration. Kein Gefühl ist dazu da, verleugnet, unterdrückt oder möglichst schnell „weggemacht“ zu werden, auch unangenehme Gefühle nicht. Und wir als Eltern haben kein Anrecht darauf, dass unsere Kinder gefälligst immer „froh“ zu sein haben (auch dann nicht, wenn wir alles für sie tun).

 

Wenn wir verhindern wollen, dass Kinder „unfroh“ sind, haben wir einen Grund dafür: Unfrohe Kinder sind anstrengend – und noch mehr Anstrengendes können wir in unserem eh schon belastenden Alltag kaum brauchen. Außerdem haben wir alle schon gehört, was uns blüht, wenn wir auf unfrohe Kinder eingehen: Wir belohnen sie fürs unfroh sein und erziehen sie dazu, unangenehme Gefühle als Druckmittel gegen uns einzusetzen.

 

Hoppla.

 

Wer sich ein wenig mit Lernbiologie beschäftigt, stolpert an dieser Stelle gewaltig. Lernbiologie und Pädagogik sind in weiten Teilen (leider noch immer) zwei verschiedene Paar Schuhe. Was ein gewichtiger Grund für das Scheitern aller möglichen Erziehungsansätze ist. Wer sich mit Lernbiologie auskennt, weiß, dass „schlechte“ Gefühle durch das Hinzufügen von etwas Angenehmem niemals „noch schlechter“ werden können. Wer auf ein unfrohes Kind eingeht, kann es deshalb gar nicht fürs unfroh sein „belohnen“. Was im Einzelfall aber sehr wohl „belohnt“ werden kann (nicht muss!), ist das Verhalten, das das unfrohe Kind jeweils zeigt.

 

 Erziehen Sie sich (k)einen Tyrannen

 

Vor dem Belohnen „unerwünschten Verhaltens“ haben wir mächtig Angst. Wer will schon einen kleinen Tyrannen bei sich zu Hause sitzen haben? Die Angst vor dem Tyrannen bringt uns dazu, auf unser unfrohes Kind eben nicht einzugehen. Dass das möglicherweise auch nicht so ganz richtig sein könnte, verrät manchen von uns ein „komisches“ Bauchgefühl. Ein inneres Zaudern oder Sträuben: „Ich will das nicht, aber ich muss ja, sonst ziehe ich mir einen Tyrannen heran.“

 

Der Witz ist: Auf das Ob oder Ob Nicht kommt es überhaupt nicht an. Sondern – wie so oft – auf das Wie. Wie gehen wir auf unser unfrohes Kind ein, sein oder nicht sein, das ist die Frage, sprichwörtlich. „Da Sein“ heißt das Zauberwort, auch bekannt unter dem Begriff der Empathie. Empathie bedeutet „mitfühlen“, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Empathie bedeutet, mitzufühlen wie schrecklich das jetzt ist, kein Eis zu bekommen, nicht mit Mama spielen zu können, nicht Erster im Crosslauf geworden zu sein, eine glanzvolle 6 nach Hause gebracht zu haben, weil man nicht auf Mama gehört und nicht gelernt hat. Dieses Mitfühlen funktioniert von ganz allein, so wie das Gähnen, wenn andere gähnen, das Heulen am Ende dieses bewegenden Hollywoodstreifens, das Lächeln beim Beobachten von Menschen oder auch Tieren, die sich einfach nur freuen. Empathie ist die Option, die wir haben, wenn wir für die Gefühle eines anderen nicht uns selbst verantwortlich machen. Sondern verstehen und anerkennen, dass die Ursache für die Befindlichkeit des anderen in seinen Bedürfnissen liegt, die im Falle von unangenehmen Gefühlen unerfüllt sind und nach Erfüllung rufen, schreien oder toben können oder in der Gewissheit der Unerfüllbarkeit weinen und verzweifeln.

 

Weil es um unsere Kinder geht, denken wir oft, die Dinge für unsere Kinder „in Ordnung“ bringen zu müssen. Betrachten wir die Sache genauer, stellen wir fest, dass wir das häufig gar nicht können und in anderen Fällen gar nicht wollen. Auch wir haben für unser jeweiliges Nicht-Wollen Gründe, die mit unserem Kind nichts zu tun haben – weil sie in unseren Bedürfnissen liegen. Zu einem Nicht-Wollen dürfen wir stehen – ohne unsere Kinder abzuweisen und in ihrer Traurigkeit, Wut oder Frustration allein zu lassen (oder gar dafür zu bestrafen). Wir dürfen auf sie eingehen, ihnen sagen, dass es uns Leid tut. Und wir können selbst dann empathisch mit ihnen sein, wenn wir diese Gefühle ausgelöst haben.

 

Prinzip 2:

Du schuldest  Deinen Kindern nichts.

 

Genauso wie wir unseren Kindern gegenüber kein Anrecht auf irgendwas haben, haben unsere Kinder keinerlei Anrechte uns gegenüber. Auch wir sind ihnen nichts schuldig dafür, dass wir sie in die Welt gesetzt haben. Weil sie aber unsere Gene tragen, wollen wir so ziemlich alles für sie tun – das hat Mutter Natur schlau eingerichtet mit der Liebe. Es wird uns nur oft nicht bewusst, weil vermeintliche „elterliche Pflichten“ suggerieren, dass wir müssen, was wir wollen. Wir fangen an, müssen und wollen miteinander zu verwechseln. Und werden blind für die Dinge, die uns wirklich wichtig sind. Wie soll es uns da je gelingen, unseren Kindern ein Beispiel vorzuleben, ein Beispiel für diesen Menschen, der das Leben liebt, und es im Bewusstsein dessen lebt, was für ihn wirklich wichtig ist?

 

Prinzip 3:

Verbringe (nur) so viel Zeit mit Deinen Kindern wie Du möchtest.

 

Für Kinder „da“ zu sein, hat nichts mit Zeit an sich zu tun, sondern damit, die Zeit, die man sich fürs Kind nimmt, weil man das möchte, mit dem Kind zu verbringen. „Viele Eltern sind tief in dem Glauben verwurzelt, dass, egal wie alt ihre Kinder sind, sie eine bestimmte Anzahl von Stunden pro Tag oder pro Woche mit ihnen verbringen sollten“, sagt Barry Neil Kaufmann. „Sie meinen, dass die Menge an Zeit, in der sie mit den Kindern ‚zusammen‘ sind, einen günstigen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder haben wird. Nur um sich selbst mehr oder weniger oft in einem Gefühl der Langeweile oder Frustration wiederzufinden.“ Qualitätszeit funktioniert anders als Quantitätszeit und kann mit dieser nicht aufgewogen werden. Nur Qualitätszeit zeichnet sich aber durch ein intensives Miteinander und „Da“ Sein aus, in dem allein das Hier und Jetzt zählt.

 

Prinzip 4:

Mache die Liebe zur obersten Priorität in all Deinen Eltern-Kind-Beziehungen

 

Unsere Kinder sind Meister darin, Liebe zum Ausdruck zu bringen. Dabei waren wir alle mal Kinder – und meisterhaft darin. Warum wir als Erwachsene dann so vehement auf Äußerlichkeiten fokussieren? Wahrscheinlich weil wir es als Kinder selber nicht anders erlebt haben. Weil unsere Eltern uns, diesen die Großeltern, denen die Urgroßeltern usw. in Sachen Liebe eigene Beispiele vorgelebt haben. Und für nicht wenige galt hier der Grundsatz, dass Liebe in „Züchtigung“ besteht. Wenn du das Kind liebst, züchtigst du es, denn züchtigst du es nicht, landet es in der Gosse, prophezeit es an vielen Stellen sogar die Bibel.

 

In Sachen Liebe zum Ausdruck bringen können wir am meisten lernen, wenn wir das Rollenmodell umdrehen und bei unseren Kindern spicken. Je jünger sie sind, desto einfacher ist es für uns, von ihnen zu lernen. Denn wir selber hatten dann noch nicht so viel Zeit und Gelegenheit, sie mit unseren unbewussten Mustern zu beeinflussen. Wenn wir anfangen, von unseren Kindern zu lernen, offenbart sich übrigens auch, was Wertschätzung gegenüber einem Kind bedeuten kann. Und wie es sich anfühlt, (s)einem Kind dankbar zu sein. Vielleicht gelangen wir sogar zu dem Schluss, dass wir von unseren Kindern mehr lernen können als diese von uns. Und dass sie schon von Natur aus immer ihr Bestes geben – ohne dass wir Druck auf sie ausüben, sie benoten und vergleichen. Sie lieben uns nicht weniger, nur weil sie ihr Zimmer nicht aufräumen, den Müll nicht hinaustragen oder ihre Hausaufgaben schlampig erledigen. Über sich hinauswachsen werden sie, wenn es uns in Sachen Liebe auf Zimmer, Müll und Hausaufgaben nicht mehr ankommt.

 

Prinzip 5:

Sei präsent, wenn Du mit Deinen Kindern bist.

 

Viele von uns haben nie gelernt, gegenwärtig zu sein, präsent, im Hier und Jetzt. Haben nicht gelernt, zuzuhören (weil ihnen nicht zugehört wurde). So sind wir ein Stück weit blind geworden, blind für feine Nuancen und Zwischentöne, die Farben unserer Kinder. Was wir verstehen wollen, brauchen wir schwarz auf weiß, weshalb wir auch so gerne Erziehungsratgeber lesen.

 

Wer sich auf das Abenteuer einlässt, seine Gründe zu hinterfragen und wagt, nur noch das zu tun, was er wirklich möchte, wird lernen, präsent zu sein. Er wird auch das Hier und Jetzt schätzen lernen und seine Fähigkeit, zuzuhören und hinzusehen zurück erobern. Er wird sein Kind in seiner Einzigartigkeit und Originalität erkennen und feststellen, welch großes Geschenk es im Grunde ist, „erziehen“ zu dürfen.

 

Prinzip 6:

Lehre Dankbarkeit und bringe Dankbarkeit zum Ausdruck.

 

Schulen wir unseren Blick für die kleinen Dinge des Alltags und für die guten Absichten, die unsere Kinder verfolgen, in all ihrem Tun – auch dann, wenn das Ergebnis alles andere als perfekt ist. Üben wir uns im bewussten Ja-Sagen ebenso wie im verantwortlichen Nein-Sagen (einschließlich der Verantwortung, die wir uns selbst gegenüber haben). Schauen wir unseren Kindern zu wie sie von Anfang an sind und lernen wir von ihnen. Und offenbaren wir ihnen unsere Wertschätzung und Dankbarkeit. Geben wir ihnen das Beispiel, von dem wir hoffen, dass es durch unsere Kinder zu uns zurückkommt.

 


          
 
Ausgabe 10/2015
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