Zwergensprache, ein umfassendes Programm zum Erlernen und Vermitteln der Babyzeichensprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter Lizenz der Zwergensprache GmbH
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Mit Babys auf dem Weg zur Sprache

  • Titelbild Zwergensprache Magazin 10

Trageberatung:
Babys mit dem Herzen ins Leben tragen

 

 Wie sehr das Tragen den Bedürfnissen meines Babys und gleichzeitig meinen Bedürfnissen entgegenkommt, entdeckte ich schon bei meinem ersten Kind. Es ließ sich nicht „ablegen“. Etwa zehn Minuten, höchstens eine halbe Stunde hielt es unser Kleiner in seinem Bettchen oder Kinderwagen aus. Unser Baby schreien zu lassen, war für mich keine Option, brauchte ich ihn doch nur in ein Tragetuch zu binden, um meinen Alltag wieder frei gestalten zu können. Und die dabei spürbare Nähe tat uns beiden gut.

 

 

Immer wieder erlebten wir Situationen, in denen nur das Tragen im Tuch half, zu Entspannung und Zufriedenheit zu finden. Oft erinnere ich mich an das erste Mal, als ich unser Tragetuch waschen musste. Ausgerechnet als es pitschnass auf der Leine hing, bekam unser Sohn Fieber. Nichts half, kein Wiegen, kein Schaukeln im Arm. Ich knotete kurzerhand zwei Bettlaken zusammen und wickelte meinen Mann samt Kind darin ein. Er sah lustig aus in dem riesigen weißen Wickelkleid - aber es wirkte: Unser fieberndes Kind schlummerte ein und wie immer ging die Temperatur zurück. Allein dadurch, dass es Körper an Körper getragen wurde.

 

Kinder zu tragen ist keine Erfindung der Neuzeit

 

Viele wissenschaftliche Studien untermauern, was Völker auf der ganzen Welt seit Urzeiten wissen: Babys wollen ins Leben getragen werden, und sie haben gute Gründe dafür. Für jeden von uns ist ein Dasein ohne Berührung nicht nur nicht denkbar, sondern auch nicht zu überleben – vor allem nicht zu Beginn unseres Lebens. Nichts benötigen wir für eine normale und gesunde Entwicklung so dringend wie Berührung und Zuwendung. Dieses Wissen ist in das sogenannte Tragling-Konzept eingeflossen: Der menschliche Säugling ist von Natur aus dafür gemacht, getragen zu werden. Wer ein Baby hoch nimmt, bemerkt, dass es automatisch die Beinchen anzieht. Es ist eine Reaktion, mit der es sich darauf vorbereitet, im nächsten Augenblick auf einer Hüfte zu landen. Dort hat das Baby ständigen sicherheitsgebenden Körperkontakt zu seiner Bezugsperson, kann überall hin mitgenommen werden und erhält ganz nebenbei reichhaltige Stimulation. Doch nicht nur das: Tragen birgt noch viele weitere Vorteile.

 

Lagerungsbedingte Plagiozephalie


Seitdem sich die Rückenlage zur Reduzierung des Risikos des plötzlichen Kindstodes in Deutschland etabliert hat, stellen Kinderärzte nicht nur im stationären Bereich immer häufiger eine lagerungsbedingte Plagiozephalie, d. h. eine Abflachung des Hinterkopfes fest.

 

Medizinisch gesehen ist die lagerungsbedingte Plagiocephalie problematisch, weil sie in schweren Fällen ähnliche Auswirkungen haben kann wie erkrankungsbedingte Störungen des Schädelwachstums. Diese können die Entwicklung des Gehirns und der Sinnesorgane beeinträchtigen. Auch das Gesicht des Kindes kann in Mitleidenschaft gezogen werden.

 

Kinder, die kaum oder gar nicht getragen werden, verbringen jede Menge Zeit damit, auf dem Rücken auf ebenen Unterlagen zu liegen: im Bett, im Stuben- oder Kinderwagen, im Laufställchen, der Babyschale, der Babywippe. Die Gefahr für eine Verformung ihres Köpfchens ist deshalb besonders groß, selbst dann, wenn sie häufig umgelagert werden. Weil der Mensch als Vertreter der Primaten ein Tragling und kein Lagerjunges ist, ist er nicht wie der Fuchs, die Katze oder der Wolf an das Liegen auf ebenen Untergründen angepasst, sondern eben ans Getragen-werden. Nur so kann er sein volles Entwicklungspotenzial ausschöpfen – vorausgesetzt, er wird richtig getragen, aber dazu weiter unten mehr.

 

Unruhe und Schreien

 

Getragene Babys schreien insgesamt weniger als nicht getragene, über den Tag verteilt im Schnitt um stolze 43 Prozent. Kinderärzte haben festgestellt, dass das messbare Auswirkungen auch auf die Eltern hat. Diese spüren unterbewusst, „dass etwas nicht in Ordnung ist“, wenn das Baby schreit. Haben sie es durch das Tragen in der Hand, dass das Baby tendenziell weniger schreit, fühlen sie sich selbst sicherer im Umgang mit ihrem Kind und entwickeln mehr Vertrauen in ihre eigene Kompetenz als Eltern. Auch Frühchen sind weitaus ruhiger, wenn sie getragen werden, was nicht zuletzt im „Känguruhing“ seinen Niederschlag gefunden hat.

 

Mutter-Kind-Bindung

 

Eltern, die ihr Kind nah am Körper tragen, nehmen es nicht nur über seine Lautäußerungen wahr. Sie hören ihm ganzheitlich zu, mit allen Sinnen, haben es ständig im Blick, atmen seinen Duft, spüren jede seiner Bewegungen bis hin zum Pochen seines kleinen Herzens. So nehmen sie auch aufkeimende Unruhe viel früher wahr und können unmittelbar reagieren. Die Kinder erfahren, dass Schreien nicht notwendig ist, um gehört zu werden. Die Mütter und Väter wiederum entwickeln eine ganz besondere Feinfühligkeit für ihr Kind.

 

Dieses Gehört- und in seinen Bedürfnissen unmittelbar Verstanden-werden ist essentiell für eine sichere Mutter-Kind-Bindung.
Wissenschaftler haben dazu schon vor einigen Jahren eine interessante Studie realisiert: Sie teilten Familien mit belastetem sozialen Hintergrund in zwei Gruppen.
Die eine Gruppe erhielt herkömmliche Babyschalen und Babywippen, die andere Tragehilfen.
Die Wippen und Tragehilfen sollten täglich verwendet werden.
Über ein ganzes Jahr hinweg wurden die Familien anschließend beobachtet und kinderärztlich überwacht.

Nach Ablauf des Jahres stellten die Forscher fest, dass über 80 Prozent der getragenen Kinder eine sichere Mutter-Kind-Bindung entwickelt hatten – trotz der schwierigen sozialen Verhältnisse, in denen diese Kinder lebten. In der Gruppe der nicht getragenen Kinder hatten nur knapp 40 Prozent der Kinder zu einer sicheren Mutter-Kind-Bindung gefunden. Das ist deshalb von Bedeutung, weil die Qualität der Mutter-Kind-Bindung einen immensen Einfluss auf den weiteren Lebensweg der Kinder hat und bis weit ins Erwachsenenalter unser Verhalten und unsere Beziehungsfähigkeiten beeinflusst.

 

 

Sensomotorische Entwicklung

 

Werden Kinder getragen, ist die Welt, in der sie sich bewegen und bewegt werden, sehr viel anregender als die, die sie in einem Bett, einem Wagen oder einer Babywippe umgibt. Denn so wie getragene Kinder ganzheitlich wahrgenommen werden, nehmen sie selbst die Welt um sie herum ganzheitlich wahr: über Augen, Ohren, Nase und Geschmackssinn ebenso wie über Berührung und Bewegung. Bewegt sich die Person, die das Kind trägt, bewegt sich auch das Kind selbst. Es reagiert auf jede noch so kleine Positionsveränderung, ebenso auf Atmung und Herzschlag. Beeindruckend kann man bei getragenen Kindern beobachten, wie sich ihr Muskeltonus reguliert. So wirken Kinder mit Muskelhypertonie (erhöhte Muskelspannung) plötzlich entspannt und Kinder mit Muskelhypotonie (mangelnde Muskelspannung) richten sich plötzlich auf und halten ihren Kopf selbständiger.

Fantastisch ist, dass das Kind selbst entscheiden kann, welchen Außenreizen es sich zuwendet und welchen es sich entzieht – einfach dadurch, dass es sein Gesicht dem, der es trägt, zuwendet.

 

Kinder tragen: medizinisch unbedenklich und sehr zu empfehlen

 

Noch immer haben frisch gebackene Eltern Bedenken in Bezug auf das Tragen, doch die moderne Kindermedizin hat diese längst entkräftet. Getragen-werden schadet weder dem Rücken des Kindes (und bei richtigem Tragen auch nicht dem der Trageperson), noch beeinträchtigt es Atmung oder Kreislauf des Kindes. In Bezug auf die Entwicklung der kindlichen Hüfte verringert Tragen das Risiko für Hüftgelenksdysplasie, einer Fehlentwicklung des kindlichen Hüftgelenks mit lebenslangen Folgen. Wichtig dabei: Das Kind muss dazu in der sogenannten Anhock-Spreiz-Haltung getragen werden.  Dabei sind die Beine angehockt, die Knie auf Nabelhöhe und die Oberschenkel leicht abgespreizt. Die Hüftgelenke nehmen durch die Anhock-Spreiz-Haltung ihre optimale Stellung ein. Der Oberschenkelkopf liegt dann mittig in der Hüftpfanne. Durch die vom Tragenden ausgehenden Bewegungsanreize wird die Nachreifung der Hüftgelenke optimal unterstützt.

Entscheidend ist zudem, dass das Kind ausreichend vom Tuch oder der Tragehilfe gestützt wird, so dass es auch wenn es schläft, nicht in sich zusammensinkt. Außerdem sollte man darauf achten, dass das Kind nicht nur eine Seite zum Ablegen des Köpfchens bevorzugt.


Wichtig
Viele  am Markt erhältliche Tragehilfen ermöglichen den Kindern NICHT, die Spreiz-Anhock-Haltung einzunehmen. Hinzu kommt, dass sich nicht verallgemeinern lässt, welche Tragehilfe für welches Kind die individuell beste ist und nicht zuletzt muss sie auch zur Trageperson passen. Scheuen Sie sich daher nicht, eine versierte Trageberatung in Anspruch zu nehmen. Viele Zwergensprache-Kursleiterinnen bieten das übrigens als zusätzliche Leistung an. Tragen ist einfach schön – und sollte deshalb auch schön einfach sein!

 

Über das Tragen schwerkranker und schwerstbehinderter Kinder

 

Wenn das Getragen-werden schon für gesunde Kinder regelrecht essentiell ist, so können wir nur erahnen, wie groß sein Nutzen für besondere Kinder sein muss, ganz gleich ob diese krank oder von einer Behinderung betroffen sind. Auch für besondere Kinder gilt, dass ihre allererste Kommunikation über Berührung stattfindet. Wie bewegend ist das erste spürbare Strampeln des Bauchbewohners etwa in der 17. Schwangerschaftswoche: Das Baby meldet sich „Ich bin da!“ und die werdende Mama, der werdende Papa oder die Geschwister antworten mit einem Streicheln des Bauches „Wir bemerken dich!“.

 

Hat ein Baby das Licht der Welt erblickt, können wir es gar nicht oft genug berühren und herzen. Wie wohltuend, dass Körperkontakt mittlerweile als so bedeutend eingeordnet und gleich nach der Geburt ermöglicht wird. Besondere Kinder müssen darauf oft verzichten und müssen unangenehme Untersuchungen und schmerzhafte Behandlungen über sich ergehen lassen. Ihre Bezugspersonen sind voller Sorge um sie. Getragen werden sie oft sehr viel seltener als gesunde Kinder, ganz zu schweigen davon, dass sie von Freude und Unbeschwertheit getragen werden.

 

Tragen besonderer Kinder ist Frühförderung und Bereicherung zugleich

 

Es gibt bereits Krankenhäuser (z.B. Klinikum Kassel), die betroffenen Familien neben dem mittlerweile etablierten „Känguruhing“ auch das Tragen besonderer Kinder ermöglichen – von Anfang an. In einem Vortrag anlässlich der TrageTage in Dresden konnte ich selbst erleben, wie wertvoll das Tragen besonderer Kinder sowohl für ihre Eltern als auch für die Kinder selbst ist.

 

Zwei Fotos haben mich dabei sehr berührt. Das erste Foto zeigte ein etwa 2-jähriges Kind, das mit überstreckten Armen, überstrecktem Kopf und auffällig angestrengtem Gesicht in seinem Bettchen lag. Auf dem zweiten Foto war dasselbe Kind in einer Tragehilfe zu sehen. Ganz im Einklang mit sich selbst hing es nun in Spreiz-Anhock-Haltung und mit völlig normaler Muskelspannung in der Komforttrage und schaute lachend in das ebenfalls lachende Gesicht seiner Mutter. Welch inniger Moment und welch Augenblick von Zufriedenheit und Entspannung, dachte ich. Ich denke sehr gern an dieses Bild, wenn ich selbst Eltern zum Thema Tragen berate.

 

Wie vor kurzem, als sich die Mama eines 7 Monate alten Kindes mit künstlichem Darmausgang und Infusions-Zugang am Brustkorb zur Trageberatung bei mir meldete. Die Wochen und Monate, die sie mit ihrem Kleinen im Krankenhaus und in der Reha verbracht hatte, müssen unfassbar schmerzlich für sie gewesen sein, denn immer wieder kam die Mutter auf sie zurück und erzählte davon, mit Tränen in den Augen. Allein der Gedanke ans Tragen und der Austausch über die Möglichkeit, ihr Kind bald nah an ihrem Körper tragen zu können, machten ihren Blick weich und ihre Augen klar.

 

Trauen Sie sich und tun sie’s einfach

 

Ein Kind durch Belastungen zu tragen, kann in vielerlei Hinsicht heilsame Wirkungen entfalten. Als Heilpädagogin spreche ich dem Tragen sogar eine echte therapeutische Wirkung zu. Die Wissenschaft unterstützt meine Auffassung wie wir oben gesehen haben. Als wertvollsten Aspekt des Tragens betrachte ich jedoch das „Auftanken“: Endlich Nähe spüren und Kabel (z.B. vom Beatmungsgerät) oder dem Lagerungskissen etc. (fast) vergessen. Nähe-Erfahrungen, die Mutter und Kind oder Vater und Kind nicht machen konnten, können beim Tragen nachgeholt und sowohl er- als auch ge-lebt werden.  

 

Ich wünsche sowohl den Eltern gesunder Babys als auch jenen mit besonderen Kindern die Erfahrungen, die ich beim Tragen meiner Kinder machen durfte. Um eine gute Trageberaterin zu finden, wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihre Zwergensprache-Kursleiterin. Viele unserer Kolleginnen sind auf diesem Gebiet selbst hervorragend ausgebildet oder können Ihnen geeignete Adressen nennen.

 

Nehmen Sie Abschied vom „Ertragen-müssen“ und begegnen Sie sich und Ihrem Kind im „Getragen-werden“.

 

Autorin: Katharina Morgenstern ist diplomierte Heilpädagogin, verheiratet und Mutter von drei Söhnen.
Sie berät Eltern in allen Fragen rund ums Baby, u.a. als Zwergensprache-Kursleiterin im Raum Löbau, Bischofswerda, Neustadt und Stolpen sowie als Trageberaterin.
Für die Zwergensprache ist sie außerdem als Gebietsleiterin für Sachsen zuständig.
Ihre Homepage: www.morgensternstunden.de.

 

 


          
 
Ausgabe 10/2015
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