Zwergensprache, ein umfassendes Programm zum Erlernen und Vermitteln der Babyzeichensprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz unter Lizenz der Zwergensprache GmbH
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Mit Babys auf dem Weg zur Sprache

  • Titelbild Zwergensprache Magazin 13

Unser Kind isst keinen Brei:
meine Erfahrungen mit Baby-Led Weaning in der Retrospektive

 

von Camilla Leithold

 

Ich kann mich noch genau daran erinnern wie ich zum ersten Mal von „Baby-Led Weaning“ erfahren habe: Meine Tochter war gerade etwa vier Monate alt und ich war dabei, nach dem Kangatraining meine Sachen zusammen zu packen, um nach Hause zu gehen. Da schnappte ich aus dem Gespräch der Kursleiterin mit einer anderen Mama ein paar Wortfetzen auf: „Mein drittes Kind hat nie Brei bekommen“… „durfte selbst entscheiden was sie essen will“ … „ich habe nie gefüttert.“

Schnell beeilte ich mich aus dem Raum zu kommen, denn als Ernährungswissenschaftlerin kannte ich solche Situationen: irgendwo findet wieder mal eine Grundsatzdiskussion über Lebensmittel, deren Inhaltstoffe, spezielle Ernährungsformen oder Ernährungsmythen statt, jeder will es besser wissen und eine Fachmeinung interessiert sowieso keinen. Für mich war schließlich seit dem Studium klar, dass ich mein Kind stillen wollte – mindestens ein Jahr – und ab ungefähr einem halben Jahr mit Brei beginnen würde, natürlich selbst gekocht, nicht gekauft. Was das wieder für komische Vorstellungen sind, die manche Leute vertreten – keinen Brei zu füttern, so ein Unsinn! Doch aus irgendeinem Grund verließ ich nicht den Raum. Wahrscheinlich war es die Freude und die Begeisterung, mit der die Kangatrainerin von ihren Erfahrungen berichtete. Ich setzte mich und hörte zu.

Meine Skepsis verflog sehr schnell und später zu Hause angekommen, bestellte ich mir sofort die deutsche Übersetzung des Baby-led Weaning Grundlagenwerks, verfasst von den Engländerinnen Gill Rapley und Tracey Murkett. Nachdem das Buch angekommen war, nutze ich jede freie Minute, um mich mit dem Konzept vertraut zu machen. Irgendwann war ich gar nicht mehr skeptisch, das Konzept überzeugte mich, sodass ich beschloss, auf Brei zu verzichten und unserer Tochter ihr Essen als Fingerfood anzubieten.

Als sie sechs Monate alt war machten wir Urlaub bei Freunden. Wie immer saß sie auf meinem Schoß, während ich aß. Sie verfolgte jeden Bissen, den ich mit der Gabel zum Mund führte, dann nahm sie sich eine gedünstete Broccolirose von meinem Teller und steckte sie sich in den Mund. Unsere Freunde und mein Mann waren ängstlich – schließlich könnte sie sich doch verschlucken – aber sie machte das so gut, dass bald niemand mehr Bedenken hatte. Das war der Zeitpunkt, an dem unsere Tochter beschlossen hatte, neben den regelmäßigen Stillmahlzeiten auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. Manchmal aß sie mehr, mal weniger. Reichte es ihr nicht, dann trank sie wieder mehr Milch. Für mich war das vollkommen ok, ich vertraute darauf, dass sie sich nimmt, wenn sie Hunger hat und aufhört, wenn sie satt ist.

Das Konzept des Baby-led Weaning, der „babygeleiteten Beikosteinführung“, umfasst viel mehr als die bloße Aufnahme von Nährstoffen ab einem gewissen Lebensalter des Kindes. Der Punkt, der mich am meisten überzeugt hatte, war, dass die Kinder selbstbestimmt entscheiden sollen, wann sie wieviel von welchem Lebensmittel zu sich nehmen. Eine Kompetenz, die viele Erwachsene einem Kind sofort absprechen würden: „Woher soll das Kind denn wissen, was gut für es ist? Kinder essen am liebsten Süßigkeiten, das weiß doch jeder!“. Aber Kinder können sehr gut über ihren Körper entscheiden, wenn man sie lässt. Hat ein Neugeborenes Hunger, dann macht es sich bemerkbar und fordert Milch, ist es satt, dann verweigert es die Brust oder Flasche. Wenn die Erwachsenen auch nach dieser Phase dem Kind die Auswahl der Menge und Art an (gesunden) Lebensmitteln überlassen, dann kann das Kind weiterhin nach seinem Hungergefühl selbstbestimmt entscheiden, wann es was essen möchte.

Soviel zur Theorie. Unsere Tochter ist jetzt drei Jahre alt. Sie isst gern Obst und Gemüse, noch lieber Fleisch, Brot mag sie nur manchmal und natürlich isst sie auch gern Süßigkeiten. Manchmal plündert sie im Garten ihrer Großeltern die Tomatenpflanzen, seit diesem Sommer hat sie Brombeeren für sich entdeckt. Wenn sie beschließt, zum Abendbrot nur Gurke und Paprika zu essen, dann lassen wir sie und zwingen sie nicht, auch noch ein Käsebrot dazu zu essen.

Neulich waren wir nach dem Kindergarten beim Eiswagen. Sie hatte sich schon den ganzen Nachmittag darauf gefreut und bestellte sich eine Kugel Erdbeereis. Zu Hause angekommen hörte sie nach der Hälfte auf, gab mir die Eiswaffel und bat mich, sie in den Gefrierschrank zu legen, damit sie später weiter essen könne. Auf diese Eigenschaft meiner Tochter bin ich wirklich sehr stolz. Wie viele Erwachsene hören auf zu essen, wenn es am besten schmeckt, nur weil sie keinen Hunger mehr haben? Die wenigsten. Und ich zähle mich nicht dazu, obwohl ich es besser wissen müsste. Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus verlerntem Hunger- und Sättigungsempfinden kombiniert mit einer schlechten Lebensmittelauswahl, die in unserer Überflussgesellschaft maßgeblich für Übergewicht und ernährungs-mitbedingte Erkrankungen verantwortlich ist. Als Mutter kann ich meiner Tochter deshalb schon früh das Vertrauen in ihre ureigenen Fähigkeiten schenken -  ich wurde bisher damit belohnt, dass ich jeden Tag erlebe, wie gut ihr Körpergefühl ist.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle auch noch den stärksten Kritikpunkt am Baby-Led Weaning Konzept ansprechen, der von Ernährungsfachkräften und Wissenschaftlern geäußert wird: Babys haben ab etwa einem halben Jahr einen erhöhten Nährstoffbedarf – beispielsweise an Eisen, den Muttermilch allein nicht mehr decken kann und durch das Füttern von Brei kann diese Lücke ausgeglichen werden. Vertraut man darauf, dass Kinder feste Nahrungsmittel allein zu sich nehmen, kommt im Körper möglicherweise nicht genug des kritischen Nährstoffs an und man kann nicht gewährleisten, dass das Kind ausreichend versorgt ist. Das ist die Argumentation der führenden Fachgesellschaften, die Eltern von der alleinigen Gabe von Fingerfood abraten. Bei manchen Kindern mag das zutreffend sein und auch ich hatte aus diesem Grund die größten Bedenken gegen dieses Konzept. Allerdings hat meine Tochter mich vom Gegenteil überzeugt: trotz fehlender Zähne aß sie Fleisch und Fisch, Gemüse und Kartoffeln, sodass ich mir darüber keine Sorgen machen musste.

Bald bekommen wir ein zweites Kind. Selbstverständlich werde ich auch unserem Sohn Fingerfood statt Brei anbieten und ihm die Lebensmittelauswahl überlassen, wenn er reif für Beikost ist. Natürlich hoffe ich, dass er es genauso gut annimmt wie unsere Tochter und die besten Ernährungsgewohnheiten übernimmt. Aber ich weiß auch, dass jedes Kind anders ist und dass das Konzept, das beim ersten Kind gut funktioniert hat, beim zweiten Kind scheitern kann. Vor einiger Zeit habe ich mit einer Bekannten diskutiert, auch sie erwartet ihr zweites Kind, und am Ende unseres Gesprächs zogen wir den Schluss „Mal sehen, wie es diesmal wird, mit den Erfahrungen des ersten Kindes denkt ja jeder von sich, er habe die Weisheit mit Löffeln gefressen.“ Mehr über Baby-Led Weaning: http://www.baby-led-weaning.de.

Baby-led Weaning – auf einen Blick


Welche Vorteile hat Baby-Led Weaning?

  • regt Babys Neugier und Forschergeist an
  • fördert Selbstständigkeit und Selbstwirksamkeit
  • hilft bei der Entwicklung der Hand-Augen-Koordination
  • macht wählerisches Essverhalten unwahrscheinlicher

 

Für welche Babys ist es geeignet?

  • für alle ab etwa dem vollendeten 6. Lebensmonat.

 

Was muss man beim Baby-Led Weaning beachten?

  • Baby aufrecht hinsetzen – nie im Liegen essen lassen.
  • mit Essen in „Pommesform“ beginnen – ideal sind übrigens MaisPops.
  • anfangs nicht erwarten, dass Baby tatsächlich isst – Baby-Led Weaning beginnt mit der Maxime „mit Essen spielt man doch!“
  • lassen Sie Baby an so vielen Familienmahlzeiten wie möglich teilnehmen.
  • bieten Sie Baby weiter Muttermilch an.
  • stellen Sie zu jeder Mahlzeit Wasser bereit.
  • stecken Sie Baby nie Essen in den Mund, sondern lassen Sie alles von Tisch, Teller oder Ihrer Hand nehmen, damit Baby selbst entscheiden kann.

 

 


          
 
Ausgabe 13/2017
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