• Titelbild Zwergensprache Magazin 14

Frühchen tragen: Erfahrungen auf einer neonatalen Intensivstation

von Jana Herout 

Ein Anruf vom Dienst habenden Kinderarzt: Notkaiserschnitt, Frühgeborenes  der 30. Schwangerschaftswoche, geschätztes Gewicht 1500 Gramm. Es  herrscht hektisches Treiben im Kreißsaal, die Vorbereitungen für die OP  laufen, Beatmungsgerät, Absauge, Infusionen werden überprüft, am Intensiv- versorgungsplatz ist alles vorbereitet. Das Neo-Team steht bereit, um das kleine Frühgeborene in Empfang zu nehmen. 

Ganz plötzlich wird das Frühgeborene aus seiner natürlichen Umgebung  herausgerissen. Die schützende Hülle des Uterus, die Geborgenheit vermittelt,  sanfte Bewegungen, leise Klänge und gedämpftes Licht, sowie eine totale  Bedürfnisbefriedigung ermöglicht, gibt es nicht mehr. Das Frühgeborene wird in  einer Umgebung geboren, die viel Ungewisses mit sich bringt: helles Licht, laute  Geräusche, Stress, Schmerzen, Hunger, Durst und die Trennung von der Mutti.   

So oder ähnlich sieht der Start für die meisten Frühgeborenen oder kranken  Neugeborenen aus. 

Um Frühchen und kranken Säuglingen einen bestmöglichen Start zu gewähren, ist  eine entwicklungsfördernde Betreuung wichtig. Dies bedeutet, so wenig wie möglich  an Intensivmedizin und dafür die Unterstützung der Kompetenzen der Frühge- borenen oder kranken Neugeborenen und ihren Eltern in den Vordergrund zu rücken.

Wir bemühen uns auf unserer Station, dass alle Frühgeborenen oder  kranken Neugeborenen nach der Erstversorgung bei Mama oder Papa känguruhen  dürfen. Der frühe Hautkontakt wirkt sich positiv auf die Atmung und andere  Vitalwerte, sowie auf eine sichere Eltern-Kind-Bindung aus. 

Sehr früh reagieren die Kleinen auf beruhigende Worte der Eltern oder das  Auflegen der Hände im Inkubator. Oft sitzen die Eltern am Inkubator und lesen  Geschichten vor oder nutzen die Känguruh-Zeit für eine gemeinsame  Kommunikation. 

Nachdem sich das Frühgeborene oder kranke Neugeborene stabilisiert hat, werden  die Eltern immer mehr mit in die Pflege einbezogen. Die gemeinsame Pflege fördert  die elterliche Kompetenz und hilft, dass das Baby mit seinen Eltern als eine Einheit  zusammenwachsen kann. Gerade am Anfang finden es die meisten Eltern sehr  schwierig, mit ihrem kleinen und zerbrechlich wirkenden Kind zu sprechen. Sie  haben Angst, sind überfordert von der notwendigen Intensivtherapie und dem  „Piepsen“ der Monitore. 

Ich ermutige die Eltern, das Gespräch mit ihren Kindern zu suchen und alle  Pflegemaßnahmen mit Worten zu begleiten. Es ist so schön mit anzusehen, wenn  die beruhigenden Worte der Eltern und der Hautkontakt mit Auflegen der Hände  beim Versorgen die Kinder entspannt und die Falten sich auf der Stirn glätten und  ein zaghaftes Lächeln auf dem Gesicht der Frühgeborenen zu sehen ist. Und wenn  nun noch die Eltern darauf aufmerksam gemacht werden, dann strahlt auch ihr  Gesicht. Diese oder ähnliche schönen Momente zeigen mir immer wieder, dass sich die Arbeit lohnt.

Entspannte beruhigende Worte wirken wie Balsam für die  Seele, sie stärken die Eltern-Kind-Bindung und verbessern die Verarbeitung der  Intensiv-Zeit.  

Das Tragen im Tragetuch stellt eine weitere schöne Kommunikationsform zwischen  Frühgeborenem oder krankem Neugeborenen und Eltern dar. Haben sich die  Kleinen soweit stabilisiert, dass keine große Überwachung und Infusionstherapie  von Nöten ist, dann werden die Eltern im Binden des Tragetuches angeleitet. Viele  Eltern freuen sich über dieses Angebot und nutzen dieses. 

Mit dem Tragen wird die fehlende Tragezeit, die oft abrupt beendet werden musste,  einfach nachempfunden. Die Nähe wirkt sich beruhigend und stabilisierend auf die  Kinder aus und die Eltern werden sicherer im Umgang mit ihren kleinen Babys. 

Ich bin sehr froh, dass sich in der Intensivmedizin eine Wandlung vollzieht, in der die Kompetenzen der Frühchen und ihren Eltern Vorrang haben. 

Ich wünsche mir, das eine einfühlsame und heilende Kommunikation auf allen  Intensivstationen Einzug hält, damit auch die Kleinsten in eine glückliche Zukunft  starten können und ihre Familien von Anfang an eine gute Unterstützung erfahren  dürfen. 

Autorin: Jana Herout,
Kinderkrankenschwester, zertifizierte Trageberaterin, 
Kursleiterin für Baby- und Kindermassage, Dunstan Babysprache und  Zwergensprache,

www.praxiskuschelbaer.de    


  Ausgabe 14/2018
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