• Titelbild Zwergensprache Magazin 14

Kindermund mit Babyzeichen: Gebärden in der Autonomiephase

 

Elisabeth hat als Baby gerne und häufig die Zwergensprache-Gebärden benutzt.  Inzwischen ist sie über zwei Jahre alt und spricht ausgesprochen gut in  vollständigen, recht komplexen Sätzen. Die Gebärden benutzen wir noch bei   Liedern und seltener beim Erzählen, so kann ich Elisabeth ein "Stichwort" geben,  wenn sie von etwas berichtet. Im regelmäßigen Gebrauch sind fast nur noch die  drei taktischen Zeichen geblieben: beim Verabschieden im Kindergarten schnell  von der Tür aus "Ich hab dich lieb", das Signal zum nach Hause gehen und die  Ansage, dass jetzt bald Schlafenszeit ist. Kurz gesagt: Wenn Worte das Spiel oder die Situation unterbrechen würden. 

Vor einigen Tagen hatten wir aber noch einmal ein sehr schönes Gebärden–Erlebnis. 

Elisabeths Vorstellungen, wie etwas (nicht) zu sein hat, sind sehr (sehr!) konkret.  Sie vertritt sie dann mit Nachdruck – ich sage nur: Autonomiephase. An den  meisten Tagen kann ich damit ganz gut umgehen, an einigen Tagen streiten wir  uns von morgens bis abends (ja, mit einer Zweijährigen!). Und gerade solch einen  Tag hatten wir neulich erwischt. Als wir am Abend angekommen waren, waren wir  beide traurig, gereizt, aggressiv, ungeduldig und müde. Wir versuchten  abwechselnd mit Überreden, Schimpfen und Ablenken (auf meiner Seite) bzw. „Ich  will nur...“, lautem Schreien und albernem Quatschmachen (auf Elisabeths Seite)  den Abend einzuleiten. Wenig überraschend, dass das nicht funktionierte. Genau  genommen wusste ich überhaupt nicht mehr, was ich tun oder sagen konnte, um  mein Kind einigermaßen in Ruhe umzuziehen und ins Bett zu bringen. 

Gebärden kamen in dieser Situation – ich weiß nicht woher, aber genau richtig. Für  mich waren die Gebärden (Schlafenszeit, ausziehen, baden gehen, Zähneputzen,  ...) eigentlich nur der Ausweg aus dieser verfahrenen Situation, um nichts mehr  sagen zu müssen und trotzdem weiterzukommen mit dem, was ich wollte. Für  Elisabeth war es anscheinend viel mehr. Denn schon mit den ersten Gebärden  wandte sie sich mir sehr aufmerksam zu. Sie fand es spannend, lange nicht mehr

gesehene Gebärden zu entschlüsseln. Dazu hat sie sie mit ihren eigenen Händen  erst so gut sie konnte, nachvollzogen, dann ist ihr eingefallen, wofür die Gebärden  stehen und sie hat ganz bereitwillig gemeinsam mit mir die abendlichen Routinen  erledigt. Sie schien so einen Spaß an der „Pantomime“ zu haben, dass ich sie  sogar (in Gebärden) bitten konnte, mir beim Aufräumen zu helfen – was sie gerne  getan hat. 

Die Stille und Langsamkeit hat uns beiden gutgetan, uns runtergebracht. Nicht nur,  dass offenbar bei uns beiden die innere Anspannung nachgelassen hatte. Wir  waren noch dazu innerlich besonders nah beieinander, nachdem wir diesen  tosenden Sturm GEMEINSAM überstanden hatten. Wenn ich so bewusst darüber  nachdenke, finde ich natürlich Gründe dafür, warum es so lief. Meine Tochter und  ich sind uns in einem ziemlich ähnlich: Wenn wir uns zanken, wird es laut. Kein  Mensch kann bei Lärm innerlich zur Ruhe kommen und die wenigsten von uns  mögen gerade dann ihre Kooperationsbereitschaft auspacken. Gebärden sind still. 

Die Gebärden, die wir benutzen – Zwergensprache eben – transportieren nur ganz  einfache Konzepte. Das, was alles noch mitschwingt und mitgesagt wird, wenn wir  Worte benutzen, fällt dabei weg: Ärger, Ungeduld, Geschrei, zu viele und zu  komplizierte Sätze. Gebärden sind (im Fall der Zwergensprache, natürlich nicht in  der DGS) ganz reduziert – genau richtig also für Stresssituationen, insbesondere  mit Kindern. 

Zu guter Letzt: Der größte Teil unserer Kommunikation läuft nonverbal ab (je nach  Quelle über 70 %). Ich schätze, bei Kindern sogar noch mehr. Worte sind schwierig  und gerade in stressigen Momenten einfach ZU schwierig. Manchmal kann ich mein  weinendes Kind auch mit erklärenden, tröstenden oder ermutigenden Worten nicht  erreichen - es sind eben Worte... Gebärden ermöglichten es uns, in Kommunikation  zu bleiben - beieinander, sozusagen auf dem gleichen Kanal. Ich war überrascht  und erleichtert und froh über das starke Gefühl von Miteinander, das uns das  Gebärden einmal mehr ermöglicht hat.  

Übrigens: Seitdem sind Gebärden wieder hoch im Kurs! 

Autorin: Mama Viktoria aus dem Kurs von Kursleiterin Heilwig Meyer. 


Ausgabe 14/2018
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