• Titelbild Zwergensprache Magazin 15

Kursleiterin im Interview: Edeltraud Matzohl

Edeltraud, wie bist Du zur Zwergensprache gekommen?

Ich bin von Haus aus Logopädin und habe viel mit Menschen zu tun, die von Sprachproblemen betroffen sind. Diese Probleme sind ganz unterschiedlich und reichen von Stimm- und Sprechproblemen bis hinzu Sprachentwicklungsstörungen und Autismus. Außerdem arbeite ich in einem Projekt zur Integration von Kindern mit Migrationshintergrund.

In der Nähe meines Wohnortes gibt eine sehr engagierte Frau, die sich für die Anerkennung der Gebärdensprache einsetzt. Als sie einen Zwergensprache-Workshop organisierte, bin ich hingegangen. Ich dachte, dass ich sicher wertvolle Anregungen für meine Arbeit mit den Flüchtlingskindern erhalte. Genauso war es dann auch – und ich war so begeistert, dass ich direkt die Ausbildung zur Kursleiterin absolviert habe. Ich liebe Kinder und arbeite sehr gern mit ihnen.

Wie setzt Du die Zwergensprache in Deiner Arbeit ein?  

Ich benutzte die Zwergensprache täglich in meiner Arbeit und ich sehe, dass die Kinder gut darauf einsteigen. Es macht ihnen Spaß, mit den Händen zu sprechen, sie imitieren die Handzeichen problemlos, schnell und spontan und können so leichter kommunizieren, was ja bei den meisten das größte Problem ist.

Die Eltern sind nicht immer so schnell davon begeistert. Die meisten sind anfangs skeptisch und schämen sich fast ein bisschen, die Gebärden zu benutzten.  

Bei meinem Projekt – es heißt „Pippi Lotta, Projekt zur Sprachförderung von Kleinkindern“ – ist die Zwergensprache der Kernpunkt. Die Kinder, die zum Projekt kommen, sind zwischen 6 Monaten und 3 Jahren alt. Viele von ihnen hören bzw. sprechen kein Deutsch. Sie sind nicht so schnell im Erlernen der Handzeichen, außer, wenn das Interesse an einer Sache wirklich groß ist. Zwei Mal wöchentlich wird das Projekt angeboten. Es ist freiwillig, kostenlos und für jeden zugänglich. Deshalb weiß ich nie genau, wie viele Kinder kommen, und auch das Alter der Kinder kann manchmal recht unterschiedlich sein. Ich muss also immer etwas improvisieren. Das Grundgerüst der Zwergensprache-Kurse ist mir dabei eine große Hilfe. Ich singe und tanze viel mit den Kindern. Sing- und Tanzspiele gefallen ihnen am besten und unterstützen sie besonders dabei, die Schlüsselwörter mit den Gesten zu verknüpfen.

Welche besonderen Erfahrungen hast Du mit Babyzeichen machen können?

Ich finde es überaus praktisch, für ein Wort, das in verschiedenen Sprachen immer anders heißt, dasselbe Zeichen verwenden zu können. Ganz gleich ob das Kind „Ball“ auf Deutsch, Englisch oder Urdu spricht, es kann immer das gleiche Handzeichen benutzen. Die Mütter der Flüchtlingskinder verstehen meist auch kein Deutsch, manchmal ein bisschen italienisch, aber sie lernen die Zeichen schnell. Die Babyzeichen machen Sprache sichtbar. Das kann von vielen Kindern, die im Spracherwerb Schwierigkeiten haben, gut genutzt werden.

Die Babyzeichen geben der Kommunikation zwischen Eltern bzw. Erwachsenen und Kindern eine andere Dimension, der Blickkontakt ist dazu unbedingt notwendig und über den Augenkontakt wird Wertschätzung übertragen.

Welches war Dein bislang schönstes Babyzeichenerlebnis?

In meiner Tätigkeit als Logopädin betreute ich einen 3-jährigen Jungen, der noch kein verständliches Wort sprach, nur einige wenige Laute von sich gabt. Eines Tages sah er in meinem Schrank den Bagger. Als ich die Schranktür wieder schloss, stand er vor dem Schrank und versucht mit unverständlichen Lautfolgen mitzuteilen, dass er den Bagger haben wollte. Ich kniete mich zu ihm hinunter und machte das Handzeichen für Bagger. Und auch er kniete sich vor mir auf den Boden und imitierte mein Handzeichen. Er dachte, dass er nicht nur die Gebärde nachahmen soll – das in die Knie gehen war für ihn gleichermaßen Teil der Gebärde. Das fand ich sehr berührend und auch lustig. Das Schöne an der Situation aber war, dass er nie und nimmer das Wort „Bagger“ hätte nachsprechen können. Er wäre so frustriert aus meiner Therapiestunde herausgegangen. Das Handzeichen aber konnte er zeigen. Was für ein bereicherndes Kommunika-tionserlebnis, dachte ich, sowohl für den Jungen, als auch für mich – und auch für seinen Vater, der bei der Therapiestunde dabei war.

Was wünschst Du Dir und der Zwergensprache für die Zukunft?

Ich möchte noch viel mehr Handzeichen lernen und meine Kenntnis über Gebärden bzw. Gebärdensprache erweitern und verbessern. Ich bin der Überzeugung, dass die Gebärdensprache sehr wertvoll ist und daher sollte sie mehr Raum in unserem Leben und auch in unserer Gesellschaft bekommen.

Die Zwergensprache ist eine super Idee, macht Spaß und erleichtert die Kommunikation. Gebärden(sprache) und Laut(sprache) sollten gleichberechtigt nebeneinander stehen. Ich freue mich, wenn die südtiroler Bevölkerung die Zwergensprache wertschätzend annimmt, und ganz besonders hoffe ich, dass die Handzeichen eine Brücke bilden zwischen Einheimischen und Flüchtlingskindern.

Manche Eltern sind den Babyzeichen gegenüber noch skeptisch eingestellt. Gebärden erfahren oft wenig Wertschätzung, was vielleicht daran liegt, dass sie als „Gehörlosensprache“ gelten und ein bisschen die Attitüde haben „das braucht man nur, wenn man eine Beeinträchtigung hat“. Ich kann das überhaupt nicht verstehen.

Wir wollen miteinander in Kontakt kommen, wollen eine Gemeinschaft aufbauen – die Sprachen „der anderen“ zu lernen, ist dabei von essenzieller Bedeutung. Auch deshalb wünsche ich mir, dass die Erwachsenen verstehen, welche Möglichkeit im frühen Gebrauch der Gebärden im Rahmen der Babyzeichensprache liegt.


  Ausgabe 15/2019
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