• Titelbild Zwergensprache Magazin 15

Babyzeichen mit Flüchtlingskindern

Babyzeichen mit Flüchtlingskindern

von Rebekka Fröhlich-Miserez

100 Kinder pro Woche, 200 dazugehörige Elternteile – alle aus 17 verschiedenen Nationen und Zwergensprache-Kursleiterin Rebekka Fröhlich-Miserez mittendrin: mit Babyzeichen meistert sie diesen Alltag zwar nicht gerade mit links, aber mit umso mehr Freude, Gemeinsam-Sein und überraschenden Aha-Erlebnissen.

Von Haus aus ist Rebekka Fröhlich Diplom-Kindererzieherin, Kinderpflegerin und Spielgruppenleiterin. Seit mittlerweile 25 Jahren bestimmen dabei die Kleinsten der Kleinen ihren Berufsalltag. Zehn Jahre ist es her, dass sie in einer Kinderkrippe zu arbeiten begann, die sich auf die Betreuung von Migrantenkindern spezialisiert hat. Rebekka hat diese Krippe auch viele Jahre geleitet. „Die Krippe ist an eine Sprachschule angegliedert, in der Migranten Deutschkurse besuchen können“, erzählt sie. „Es gibt diese Schule bereits seit 1970. Sie wird von einer Stiftung unterhalten, ist also gemeinnützig tätig. Im Laufe der Jahre hatten die Stiftungsmitarbeiter festgestellt, dass viele Migrantinnen die Kurse nicht besuchten, weil sie keine Verwandten oder Freunde hatten, die während der Unterrichtszeit auf die Kinder aufpassen konnten. Daraus resultierte schließlich die Idee, eine Krippe für die Kinderbetreuung zu eröffnen. So konnten dann auch die Mütter der Migrantenkinder – und nicht nur ihre Väter – an den Deutschkursen teilnehmen.“

Betreut werden in der Krippe Kinder im Alter von einem bis fünf Jahren. ”Wenn ich mich an meine Zeit in einer ‘normalen’ Einrichtung erinnere, bemerke ich schon einige Unterschiede, wenn auch mehr bei den Eltern als bei den Kindern selbst”, sagt Rebekka. ”Die Motivation, sein Kind in fremde Obhut zu geben, ist in unserer Migrationskinderkrippe eine ganz andere als in einer ‘normalen’ Krippe.” Migrantinnen gäben ihre Kinder eher nur aus Not heraus ab, Eltern hierzulande vorrangig, um arbeiten zu können oder den Kindern Kontakte zu anderen Kindern zu ermöglichen. Der soziale Aspekt steht dabei häufig im Mittelpunkt der Entscheidung. ”Für Migrantenfamilien ist es grundprinzipiell beinahe undenkbar, ihre Kinder in Fremdbetreuung zu geben”, so Rebekka Fröhlich. ”Aber sie können sich dem eben auch nicht verweigern. Denn wer in einem Land integriert werden möchte, muss die Landessprache sprechen können, die Sprache ist oberste und wichtigste Voraussetzung, um eine Integration überhaupt ermöglichen zu können.” Zwar begegneten ihr immer wieder auch Ausnahmen, insbesondere, wenn es sich um Alleinerziehende Migrantinnen und Migranten handele, doch diese seien vergleichsweise selten.

„Wenn man die Einzigartigkeit und Individualität des Einzelnen berücksichtigt, sind die Unterschiede zwischen den Menschen gleichzeitig gering und riesig, ganz gleich, woher sie stammen“, sagt Rebekka Fröhlich. „Lebensgeschichten sind so verschieden. Viele Migranten haben Leid und große Angst erfahren, unterscheiden sich Kulturell und im Glauben voneinander und natürlich auch von den Europäern. Man kann nicht beeinflussen, in welches Umfeld man hineingeboren wird, was man als selbstverständlich kennen lernt, als unabänderlich oder auch als Gesetz. Wir alle sind verschieden. Letzten Endes ist unsere Verschiedenartigkeit das, was wir alle gemeinsam haben – und was uns miteinander verbindet.“

Interessante Beobachtungen konnte Rebekka Fröhlich dennoch machen. Wer vor ein paar Jahren regelmäßig die Zeitschrift GEO las, konnte dort eine Langzeitreportage über Kinder aus aller Welt verfolgen – und darüber, wie sie sich entwickeln und wie ihr kulturelles Umfeld ihr individuelles Sein prägt. „Bei den Kindern, die zu uns in die Krippe kommen, lassen sich eine Menge Besonderheiten entdecken, je nachdem, woher sie stammen», erzählt Rebekka Fröhlich. «Kinder aus Afrika beispielsweise machten auf mich oft einen sehr lockeren und extrovertierten Eindruck. Kinder aus Indien erschienen mir im Vergleich ruhiger und

 

zurückhaltender, eher introvertiert. Auch schienen sie richtige kleine Beobachtungsspezialisten zu sein. Kinder aus China, Japan oder auch Korea wie-derum wiederum wirkten auf mich bereits selbstsicher und erstaunlich selbstbeherrscht für ihr zartes Alter, zum Teil auch sehr kontrolliert. Mir ist klar, dass meine Erfahrungen mit den Kindern nur persönliche Eindrücke widerspiegeln, spannend und neugierweckend war es für mich jedoch schon, mit so vielen verschiedenen kleinen und großen Menschen aus aller Welt in Kontakt zu kommen.“ Es sei wunderbar, wenn Leute, die verschiedene Ansichten haben, zusammenkommen und sich nicht auf ihre unterschiedlichen Meinungen konzentrieren, sondern auf das, was sie miteinander verbindet. „Schlussendlich verhalten sich alle Kinder gleich in Bezug auf das, was sie brauchen: sie möchten sich und ihre Umwelt entdecken und angenommen, respektiert und wertgeschätzt werden. Sie brauchen Aufmerksamkeit, Liebe und Geborgenheit – und genau dort habe ich schließlich auch mit den Babyzeichen angesetzt, um sprachliche Barrieren zu überwinden.“

Die Babyzeichen wurden für Rebekka Fröhlich eine Art «Brücke der Kommunikation» zwischen den verschiedenen Nationalitäten und Sprachen. Ein Türöffner. ”Mit den Zeichen begann ich, auf eine ganz andere Art und Weise auf die Migrantenfamilien zuzugehen. Ich hatte keine Berührungsängste dabei, denn die Gebärden gaben mir Sicherheit und Klarheit in Bezug auf die Zusammenarbeit und Verständigung, sowohl mit den Kindern als auch mit deren Eltern.”

Für Rebekka war es besonders und eindrücklich zu beobachten, wie die Eltern anfangs und später ihre Kinder in die Krippe brachten. ”Sie verstanden ja kein einziges Wort, und wir mussten uns mit Gesten, Blickkontakt, Mimik und Handzeichen verständigen. Es gab Eltern, die gar keinen Kontakt suchten. Sie stellten ihre Kinder einfach in den Raum und gingen zum Unterricht. Beim Abholen war dann plötzlich ein Kind ohne jede Verabschiedung verschwunden.” Zunächst fand Rebekka das Verhalten der Eltern unhöflich, sogar frech und arrogant. Doch das änderte sich, als sie begann, genauer hinzusehen und sich in die Lage der Eltern zu versetzen. ”Ich bemerkte, dass diese Eltern sich ihrer – noch – mangelnden Sprachkenntnisse schämten, weil sie Mühe hatten, sich mit mir zu unterhalten. Daraufhin stellte ich mich zur Begrüßung immer in die Garderobe und ging ganz bewusst auf alle Eltern zu, um sie persönlich willkommen zu heißen.” Das war nicht immer einfach, erinnert sie sich. ”Hundert verschiedene Kinder und bis zu 200 Erwachsene Woche für Woche gezielt anzusprechen und ein kleines Gespräch zwischen ‘Tür und Angel’ zu inszenieren, ist durchaus anstrengend, wenn einem die Worte für den sonst so selbstverständlichen Smalltalk fehlen.”

Doch genau hier konnte Rebekka mit der Babyzeichensprache anknüpfen. Zum Teil übernahmen die Eltern Gebärden sogar selbst, um sich mitzuteilen. ”Ich werde nie die Mutter aus Eritrea vergessen, die mit ihrem schreienden Kind in die Krippe stürmte und das Zeichen für Schnuller zeigte. Als ich sie mit den Gesten für wo Schnuller antwortete, zeigte sie mir das Zeichen für Haus. Da wusste ich, dass sie ihren eigenen Schnuller zu Hause vergessen hatten und hofften, ich könnte dem Kind einen Schnuller leihen.” Eine weitere Story, an die Rebekka gern zurückdenkt, dreht sich um eine kleine knapp Einjährige und eine Glocke. ”Wir spielten gerade ein Kreisspiel. Nacheinander durften die Kinder in die Rolle eines Zickleins schlüpfen und eine Glocke läuten, während sie um den Kreis herumsprangen. Ein 8 monatiges Kind aus Eritrea weinte immer wieder, sobald wir anfingen das Lied zu singen. Ich merkte, wie mich das stresste. Ich sagte ‘hey, hör auf zu weinen, wir spielen, sonst musst du von dem Kreis weg’. Das Kind hörte jedoch nicht auf, zu weinen, weshalb ich schon beinahe drauf und dran war, es aus dem Spiel zu nehmen. Dann sah ich genauer hin. Und plötzlich zeigte das Kind das Zeichen für Musik. Da wusste ich, was es wollte: die Glocke. Ich gab sie ihm in die Hand und siehe da, ein Strahlen ging über das ganze kleine Gesicht. Das Kind schwang freudig im Hochstuhl die Beine und zappelte mit den Händen, sodass die Glocke läutete und wir das Lied alle zusammen sangen. Es war so berührend, das zu sehen.”

Nur positiv sind Rebekka Fröhlichs Erfahrungen dennoch nicht. „Es war oft schwer für mich, zu sehen, dass es vielen Frauen nicht gut geht. Dass sie nicht glücklich sind mit ihrer Lebenssituation. Manche haben es mich wortlos spüren lassen, andere haben sich ganz offen geäußert, wie traurig sie sind, weil ihnen ihre Unterdrückung bewusst wird.“ Das kann umso schmerzlicher sein, wenn europäische Frauen und Männer eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung und Freiheit vorleben, der Partnerschaftlichkeit, in der die Bedürfnisse des einen dem anderen Partner wichtig sind. „Das prägt auch den Alltag des Kindes“, sagt Rebekka Fröhlich. „Wie so oft gab es auch in unserer Migrantenkinderkrippe Sonnen- und Schattenseiten. Ich versuchte umso mehr, den Kindern meine volle Aufmerksamkeit, Fürsorge und Liebe zu schenken. Das hat mich sehr glücklich gemacht, gab mit Halt und Kraft. Die Arbeit mit den Kindern war für mich eine Art Lebensschule, die bis heute fortwirkt. Ich möchte keine Minute missen!“

Autorin: Rebekka Fröhlich-Miserez, Diplom-Kleinkinderzieherin, Spielgruppen-leiterin, Kinderpflegerin, Zwergensprache Kursleiterin für die Region Hinwil und Bezirk Uster, Schweiz.

https://babyzeichensprache.com/zwergensprache/froehlich-miserez.php


  Ausgabe 15/2019
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